Peter Gomm hatte als Regierungsrat stets alles im Griff – nun lässt er los

Artikel von Lucien Fluri in der Solothurner Zeitung vom 27. Juli 2017

Machtbewusst und mächtig war er. Peter Gomm prägte zwölf Jahre lang die Geschicke des Kantons. Oft im Hintergrund, sehr oft erfolgreich. Der Oltner Sozialdemokrat, der die Macht so mochte, lässt nun los. Ganz gelassen.

Sein Schreibtisch ist praktisch leer. Aber das war immer so bei Peter Gomm, nicht erst seit er sein Büro räumen muss. Penibel achtete er darauf, alles im Griff zu haben. Seine Dossiers, sein Departement, sein Aussenbild. Nichts sollte dem Zufall überlassen bleiben. Der Oltner wollte selbst gestalten.

Besuch im Ambassadorenhof. Es ist eine der letzten Arbeitswochen des 58-Jährigen. Der Sozialdirektor sitzt an einem schwarzen Bürotisch, hinter ihm hängen – noch – die Bilder, die er selbst gemalt hat. In wenigen Tagen werden sie abgehängt sein und Gomms Büro wird nach zwölf Jahren eine neue Chefin erhalten. Der Jurist hat viele überrascht, als er seinen Rücktritt ankündigte. Selbst seine potenzielle Nachfolgerin schien nicht geahnt zu haben, dass er nach zwölf Jahren loslassen könnte.

Er mochte die Macht
Denn Peter Gomm war ein Mann, der die Macht mochte. – Und vielleicht mochte sie auch ihn. Immerhin hat er den Kanton in seiner Amtszeit nachhaltig geprägt: Die Spitallandschaft ist neu geordnet. Die Spitäler Grenchen und Allerheiligenberg sind verschwunden. In der Stadt Solothurn wird gerade das neue Bürgerspital hochgezogen. Die Jugendpolizei wurde aufgebaut, der Korpsbestand der Kantonspolizei erhöht.

Gomm brachte als einziger Sozialdemokrat in der Regierung Geschäfte durch, die in einem bürgerlichen Kanton auf den ersten Blick wenig Chancen haben. Die Ergänzungsleistungen für einkommensschwache Familien – der Oltner bezeichnet dies als seinen grössten Erfolg – sind mit bürgerlicher Regierung und trotz bürgerlichem Parlament eingeführt. Die Lotteriefondsgelder konnte der Sozialdemokrat für diverse Sozialprojekte einsetzen.

Dossierkenntnis und einen vertrauensvollen Umgang nennt Gomm ein Rezept, wie ein Linker auch bei bürgerlicher Dominanz in der Regierung mitgestalten kann. «Das Gremium muss davon überzeugt sein, dass man echte Probleme lösen will».

Warum lässt der erfolgreiche Politiker nun los, obwohl er noch vier Jahre hätte weitergestalten können? Ist die Macht denn nicht auch ein wenig ein Suchtmittel, das Alphatiere wie ihn packt? «Man will nicht zurücktreten, wenn man das Gefühl hat, gehen zu müssen», konstatiert der Sozialdemokrat nüchtern. Gomm wirkt in diesen Tagen entspannt. Er scheint zu geniessen, dass er tun kann, was andere Machtmenschen in seiner Position eben nicht können: Loslassen; andere machen lassen. Gomm hat eben auch Gomm im Griff.

Heikle Dossiers gemeistert
Dass in Solothurn ein Sozialdemokrat ab und an Pflöcke einschlägt, blieb nicht unbemerkt. «Die Aufblähung des Sozialstaats ist im Kanton Solothurn Regierungsangelegenheit», schrieb die «Weltwoche» einst. «Der höchste Sozialpolitiker im Land findet immer neue und fragwürdige Wege, um die Sozialausgaben zu erhöhen.» Andere Sozialdemokraten hätten es als Anerkennung verstanden, wenn das notorisch rechts tickende Blatt sie zum Feindbild nimmt. Gomm aber, der engagiert politisierte, nahm die Kritik persönlich.

Er kann sich noch Jahre später an ihm missliebige Sätze erinnern; Passagen aus dem «Weltwoche»-Artikel zitiert er noch heute. Und wenn Gomm im Kantonsrat ein Votum missfiel, verdüsterte sich vorne auf der Regierungsbank bisweilen seine Miene und kündigte ein schneidendes Wortgewitter an. Der Jurist war manchem intellektuell überlegen. Es gab Momente, da bekamen Volksvertreter dies zu spüren – auch wenn Gomm dabei nie persönlich wurde.
Gomm war für Themen verantwortlich, «die einem jederzeit um die Ohren fliegen können», wie Kantonsratspräsident Urs Huber in seiner Würdigung feststellte. Der Jurist führte die Polizei, managte das Sozial- und Asylwesen, den Justizvollzug, die Gesundheitsversorgung. Gomm mochte, wenn es geräuschlos lief. Und das gelang ihm fast immer. Nur selten gab es Fundamentalkritik. National in die Schlagzeilen geriet er mit unschönen Vorfällen im «Lotterknast Schöngrün». «Es war ein Lehrstück, wie die Medien funktionieren, wenn sie mal losgelassen sind», sagt Gomm heute. «Man wächst an der Bewältigung eines solch herausfordernden Ereignisses.»
Grosse Auftritte nicht gesucht

Vielleicht könnte Peter Gomms Name heute über den Kanton hinaus geläufiger sein. Sechs Jahre lang präsidierte der Solothurner die Konferenz der kantonalen Sozialdirektoren. Als höchster Schweizer Sozialdirektor bestimmte er die Ausgestaltung des Sozial- und Asylwesens mit. Gemeinsam mit dem Berner Polizeidirektor Hans-Jürg Käser arbeitete er an der Neustrukturierung des Asylwesens. Gomm als höchster Sozialdirektor, der Berner FDP-Mann als oberster Polizeidirektor.

Es liegt wohl an Gomm selbst, dass er schweizweit einer breiten Öffentlichkeit nicht bekannter ist. Während der Berner Käser ab und an medial eine Debatte lostrat, blieb der Solothurner Gomm zurückhaltend. Vorpreschen, sich mit griffigen Statements exponieren oder knackige Zitate liefern, das war seine Sache nicht. «Wir sind sehr unterschiedliche Typen», sagt der Berner Polizeidirektor Käser.

Der Regierungsrat aus dem grossen Nachbarkanton beschreibt seinen Solothurner Kollegen als «sehr überlegten» Politiker: «Ich schätze Peter Gomms fundierte Dossierkenntnis und seine Fähigkeit zu sehen, was politisch mehrheitsfähig ist. Wir haben sehr lange und sehr gut zusammengearbeitet.»
Immer am Machbaren orientiert
Bevor Gomm mit einem Geschäft in die Öffentlichkeit trat, wartete er auf das richtige Zeitfenster. Er wollte sicher sein, dass das Ergebnis «verhebt». «Ich habe mich immer am Machbaren orientiert», sagt Gomm. Bezeichnend: Er selbst sieht nicht die «Lotterknast»-Affäre als Tiefpunkt seiner Amtszeit. Schlimmer war für ihn, dass das Volk die Ökologisierung der Motorfahrzeugsteuer bachab schickte. Der Taktiker hatte sich verkalkuliert.

Egerkingen, Deitingen, Gretzenbach, Laupersdorf. Wo der Kanton Asylzentren eröffnen wollte, da wehte dem Sozialdirektor nicht selten ein frischer Wind entgegen, auch wenn er am Ende fast alle Asylunterkünfte durchbrachte und einen reibungslosen Betrieb garantierte. Es gab Abende, da stand Gomm vor Sälen voller aufgebrachter und aufgeregter Bürger. «Wer da mit persönlichen Angriffen nicht umgehen kann, hat in diesem Amt nichts zu suchen», sagt Gomm.

Red und Antwort zu stehen sei in solchen Situationen zentral, auch wenn es keine Lorbeeren zu holen gilt. Gomm aber lässt auch durchblicken, dass solche Auftritte, eine fremdbestimmte Agenda und der Termindruck mit der Zeit auch an einem Politiker nagen: Man dürfe nicht unterschätzen, wie sehr es fordere, permanent präsent sein zu müssen – geistig und körperlich, blickt er am schwarzen Bürotisch zurück.

Neue Freiräume geniessen
Bald wird Peter Gomm neue Freiräume geniessen. Im Herbst wird er zweieinhalb Monate nach Südamerika reisen. Was danach kommt, darüber macht er sich noch keine Gedanken. Vor dem 1. Januar 2018 lässt er Anfragen offen.

Zuerst aber wird Peter Gomm so oder so noch seine Bilder in seinem Büro abhängen müssen. Und wenn dann wirklich alles vorbei ist, werden trotz aller Gelassenheit die Emotionen kommen, davon ist er selbst überzeugt. «Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche», sagt Peter Gomm – noch immer entspannt.