Authentisch

Rede an der Wahlfeier vom 24. Mai 2017 in der Schützi Olten von Susanne Schaffner, Regierungsrätin ab 1. August 2017

Vielen Dank für die Einladung zur heutigen Wahlfeier. Als ich im März des vergangenen Jahres, rund ein Jahr vor dem Wahltermin, durch die Partei habe bekanntgeben lassen, dass ich nicht mehr für eine vierte Amtsperiode zur Verfügung stehe, sind viele überrascht gewesen. Auch Du hast Dich medial überrascht gezeigt. Weil wir uns schon so lange kennen und auch ein grosses Stück unseres beruflichen und politischen Lebens gemeinsam gegangen sind, ist es fast ein Kompliment, dass ich Dich nach so langer Zeit noch habe überraschen können. Ich weiss, ich habe nicht den Eindruck vermittelt, am Ende zu sein, oder auf ein Ende zuzusteuern; - auch wenn ich da und dort immer wieder gesagt habe, zwölf Jahre seien eine gute Zeitspanne. Zu viel liegt und hat mir daran gelegen, die strategischen Geschicke möglichst bis zuletzt in den Händen zu haben und meine Geschäfte ins Ziel zu führen. Das hingegen dürfte weder Dich, noch andere Anwesende überrascht haben. So sei es, oder so hoffe ich es, wenigstens noch bis zum 31. Juli dieses Jahres. Ich hoffe auch, meine anwesenden Kollegen tragen mir diese Ankündigung mit der von Ihnen gewohnten Milde nicht nach, verfallen unerwartet nicht plötzlich der in unserem Kanton so unbeliebten „Güggelei“ und helfen mir so, das "lame-duck-Syndrom" bis am Schluss zu vermeiden.
Die ersten Freudentränen sind getrocknet. Du bist schon ein paar Wochen gewählt und kannst feiern. Die Zeit bis zu Deinem Amtsantritt ist eine wunderbare Zeit. Geniesse Sie. Danach...Nein jetzt kommt eben nicht, was viele denken. Die Last des Amtes wird sich zwar zeigen. Knochenarbeit hast Du aber vorher schon geleistet. Das wird für Dich nicht neu sein. Dass Du darum etwas schneller altern wirst, damit ist leider zu rechnen. Ich erlaube mir nur, das zu sagen, weil Du das am Nominationsparteitag schon selbst verkündet hast. Und was Du sagst, stimmt meistens ja auch. Meistens. Es wird für Dich zusätzlich eine grosse Herausforderung sein, sämtliche Essen und Apéros ohne wesentliche Formeinbusse oder gewichtige Formveränderung zu überstehen. Fit hältst Du Dich ja sowieso. Letzten September hast Du mich am Zweistundenlauf vermutlich wegen solcher Nebeneffekte auf einer der letzten Runden eingeholt und gleich überholt. Schon zwei Jahre vorher ist es so gewesen. Das ist zwar etwas unanständig gewesen. Ich habe Dir aber schon lange vergeben. Sicher ist: Trotz der geschilderten Randerscheinungen ist das Amt eines Regierungsrates eines der tollsten politischen Ämter in der Schweiz, die es gibt. Freue Dich darauf.
Du bist also ziemlich zäh und kämpferisch. In Deinen Adern fliesst tiefrotes sozialdemokratisches Blut. Auch wenn das rosarote Jackett auf den Wahlplakaten, das zu Deinem Markenzeichen geworden ist, Dich von Deiner herzlichen und strahlenden Seite zeigt, die Du schon vorher, im Jahr 2013 als sympathische Kantonsratspräsidentin mitten unter die Leute gebracht hast, bist Du auch gut im Austeilen und hart im Nehmen. Übertragen in einen Boxring würde das heissen: Es gingen schon viele Gegner zu Boden, oder haben aufgrund mangelnder Dossierfestigkeit nach Punkten verloren. In der Regierung sollte es dann aber nicht zu- und hergehen, wie in einem Boxring. Schlagfertig sollte man zwar sein, aber auf den Kopf hauen empfiehlt sich eher nicht. Vor allem sollte man im Falle von Uneinigkeit den Gegner oder die Gegnerin höchstens so zurichten, dass die Wunden rasch verheilt sind und die Regierung weiterhin beschlussfähig bleibt. Weiter ist zu beachten, dass allerlei Medientermine anfallen. Bei denen würde es einen schlechten Eindruck machen, wenn einzelne Regierungsmitglieder nicht etwa, wie das manchmal passiert, mit einem blauen Auge davon-, sondern mit einem blauen Auge daherkommen. Wenn sie dann noch sagen, das sei von der netten Kollegin, dann wäre der Zapfen ganz ab. Manchmal lohnt es sich denn auch, sich einen rustikalen "Infight" zu sparen und eine Niederlage nach Punkten gelassen hinzunehmen. Beim nächsten wichtigen Geschäft gibt es dann immer noch fünf Sehende und Hörende und damit bleibt die – selbstverständlich subjektiv gefärbte - nie endende Hoffnung auf Einsicht und Besserung bestehen. Böse Zungen würden jetzt behaupten:
Departement des Innern

Das tönt ja so, wie, wenn die eine Krähe der anderen kein Auge aushacken sollte. Ich sage, es gilt schlicht und einfach Folgendes: Debatte statt Diffamierung.
Das ist eine zeitlose Notwendigkeit und hat aller Voraussicht nach bereits in der Antike gegolten. Dort hatten Frauen in der Politik leider zwar wenig bis gar nichts zu sagen, ausser sie griffen zum letzten, gar kriegsverhindernden, Mittel in den eigenen Wänden, dem, wie soll ich es sagen, Liebesstreik, wie Lysistrata. Das würde man heute auf keinen Fall mehr so machen. Schon weil es politisch nicht korrekt wäre. Dennoch will ich Dich ernsthaft warnen. Auf Liebesentzug können auch einzelne Mitglieder in der Regierung stark reagieren. Das ist nicht einfach sachfremd. Regierungsrätinnen und Regierungsräte sind, zumindest weiss ich das für den Kanton Solothurn, auch nur gewöhnliche Menschen und gelegentlich zartbesaitet.
Wenn ich schon in die Antike abschweife, dann erlaube ich mir noch etwas mehr in die heutige Zeit hinüber zu transportieren. Drei Berufe, in denen sich die Eigenschaften spiegeln, die Frau als Regierungsrätin haben sollte und die Du zweifellos auch hast, waren in der Antike über alle Massen hinaus angesehen. Du kannst Schiffe sicher ins Ziel, in den Hafen führen, wie eine Kapitänin. Du kannst den Menschen zuhören, bevor Du entscheidest, wie eine Richterin, und Du kannst auch mal ein Pflaster verteilen, wenn etwas zu flicken ist, wie eine Ärztin; - selbst dann, wenn Du vorher selbst im Ring gestanden bist. Es ist also von vorneherein fast grenzenloser Optimismus angesagt.
Die Abtretenden sind ja immer gut mit Ratschlägen zur Hand. Von mir wirst Du keine ungefragten mehr bekommen. Heute ist eine meiner letzten Gelegenheiten gewesen, gelegentlich alles besser zu wissen. Ich werde Dich auch nicht jede Woche einmal besuchen kommen und schauen, ob noch Post für mich gekommen ist; so, wie das einige, allerdings wenige, alt Regierungsräte vor unserer aller Zeit praktiziert haben. Ich werde auch nicht über den Gartenhag hinweg Manöverkritiken abgeben, geschweige denn Lesererbriefe zu aktuellen kantonalen Projekten aus meinem ehemaligen Departement schreiben. Ich gehe auch davon aus, dass Du keine Ratschläge brauchst. Du wirst es eh so machen, wie Du das willst. Authentisch. - Da könnt Ihr alle sicher sein.
Den Landammann, der heute, wie alle Mitglieder der neuen Regierung, anwesend ist, habe ich, wie es sich gehört, in der regierungsrätlichen Hackordnung der guten Ordnung halber angefragt, ob es ihn stört, wenn ich heute spreche. Er hat mir, in Kenntnis der parteipolitischen Gegebenheiten, Absolution erteilt. Ich hatte Susanne zwar schon vorher zugesagt. Ich wusste aber auch, dass, wenn jemand beichtet, er nicht anders kann. Er ist ja gelernter Theologe, katholischer.
Weil er, wie ich auch, Lateiner ist, und er im Parlament gelegentlich in Latein zitiert, um aus der Regierungsreihe im kantonalen Kolosseum, dem Kantonsratssaal, Wahres zu verkünden, widme ich Susanne im Gegenzug eine Reminiszenz mit einem lateinischen Sprichwort: „Fortes fortuna adiuvat.“ Übersetzt: Den Mutigen hilft das Glück.
Ich gratuliere Dir nochmals herzlich zu Wahl und Amt, wünsche Dir eine gute, erfolgreiche Hand und das nötige Glück, das ich immer wieder hatte, um für die Menschen in unserem Kanton aktiv mitgestalten zu dürfen. Der Alte wird bald das Feld räumen. - Jetzt schaue ich zu den Neuen: die neue Regierung heisst Dich herzlich willkommen.