Berner Verfahren

Ansprache an der Jahreskonferenz der Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren vom 21. Mai 2015 in Thun

An der letzten Jahreskonferenz in Zürich habe ich ja viele überrascht, als ich gesagt habe, dass mein Heimatort im Kanton Zürich liegt. Mario Fehr hat daraus, angelehnt an ein weitaus berühmteres Zitat, ungefragt ein Coming-out meinerseits gemacht und mir ein "ich bin ein Zürcher" in den Mund gelegt.
Seit einem Jahr trage ich nun an dieser Last. Es ist deshalb heute Abend so etwas wie eine Befreiung für mich, sagen zu können: "Ich bin auch ein Berner Oberländer". Wobei ich nicht weiss, ob das jetzt alle besser finden. Für alle, die es genauer wissen wollen: ich bin am oberen Ende des Thunersees, nämlich in Unterseen auf die Welt gekommen. Vor allem weiss ich nicht, ob jetzt auch unser Gastgeber erfreut ist. Er hat zumindest im Spitalbereich einige Sträusschen mit den manchmal etwas bärbeissigen Oberländern auszufechten. Aber man kann es ja im Leben nicht allen recht machen. Typisch für mich natürlich, der als Präsident den Ausgleich zu suchen hat: Ich wohne seit Jahren in Olten, das ist mitten zwischen Bern und Zürich liegt, um das auch noch gesagt zu haben.
Zur optimalen Vorbereitung auf die diesjährige Jahreskonferenz habe ich mir letztes Jahr, zusammen mit der Solothurner Regierung, anlässlich unseres Regierungsseminars das Musical Aida gleich nebenan an den Thunersee Festspielen angehört und angeschaut. Alles war stimmig, es hat wie heute über den Tag, auch geregnet. Wobei ich auch aus eigener Erfahrung weiss, es ist hier nicht immer so. Gelegentlich scheint auch die Sonne.
Nicht immer sonnig ist es für die Berner Regierung im Grossen Rat. Bekanntlich wird hier das Modell der "Cohabitation" geübt. Die Mehrheiten in der Regierung sind nicht die gleichen, wie im Parlament. "cohabitation" würde ja richtig übersetzt heissen, man lebt miteinander und muss auch miteinander auskommen. Das gilt hier nicht. Vielmehr gibt es ein Berner Modell.
So etwa, wie im Gerichtsverfahren das sogenannte Berner Verfahren. Ich war ja in meinem früheren Leben Anwalt. In Zivilprozessen funktioniert das im Kanton Bern so: Die Parteien werden bei Vergleichsverhandlungen jeweils einzeln hereingerufen. Dann erklärt ihnen das Gericht, warum die Chancen auf einen Prozessgewinn miserabel sind. Beiden Parteien erzählt man natürlich dasselbe, bis beide weichgekocht sind und einen Vergleich unterzeichnen.
Im Berner Grossen Rat, habe ich mir sagen lassen, kochen Regierung und Rat jeweils ein anderes Menu. Man bekommt als Aussenstehender den Eindruck: Am liebsten würde man sich gegenseitig windelweich kochen. Dass das fertig zubereitete Menue dann manchmal nicht so gut herauskommt, wie es sein sollte, ist zu vermuten. Dabei haben die Berner doch im Kochen eine herausragende Tradition. In den Hauswirtschaftsschulen und in vielen Haushalten ist zum Teil heute noch das Berner Kochbuch sehr präsent. Wer es schon mal benutzt hat, kann die Rezepte nur rühmen. Wir aus der Restschweiz hoffen und wünschen es Dir natürlich auch ein bisschen, lieber Philipp, dass der Kanton Bern zur guten Tradition zurückfindet und etwas Anständiges kochen kann Das Zeichen, das Du heute mit dem Nachtessen in der Schadau, einem Ort, wo man wirklich gut kocht und deshalb auch gut essen kann, gesetzt hast, zeigt Deinen nie erlahmenden Optimismus auf.
Im Übrigen muss die Eidgenossenschaft dem Kanton Bern aber überaus dankbar sein. 1415 haben die Berner den Aargau erobert – ja wirklich -und die Schweiz ein bisschen weniger habsburgisch gemacht. Böse Zungen behaupten, die Aargauer hätten das längst wieder vergessen.
Die Berner haben anlässlich des Wiener Kongresses aber auch den grössten Teil des Fürstbistums Basels erhalten. Dabei ist es herausgekommen, wie immer, wenn Berner und Solothurner vorher in den Krieg gezogen sind. Wir haben nämlich meistens die Fahnen bekommen und die Berner das Land. In diesem Fall ist es so gewesen, dass die Berner das Land und wir den Bischof bekommen haben.
Für einmal haben wir den Besseren gemacht. Die Berner haben sich damit die Jura- und die Laufentalfrage aufgeladen. Die sind ihnen abhanden gekommen. Was ich durchaus nachvollziehbar finde. Wir hatten meistens Ruhe. Wenn nicht, dann gab’s aus den Solothurner Bischöfen Kardinäle, die nach Rom beordert worden sind. Auch das haben wir meistens für nachvollziehbar befunden.
Die Berner sind aber auch bekannt für die pionierhafte Erschliessung des Kantons mit dem Schienennetz. Als erster Kanton hat er auch das Öffentlichkeitsprinzip eingeführt. Bern ist also nicht immer so langsam, wie im Volksmund behauptet wird.
Wir bedanken uns herzlich für die Gastfreundschaft, geniesst den Abend, und, lieber Mario Fehr, verzeih, dass Zürich, turnusgemäss heute nicht (mehr) Mittelpunkt ist. Die Ehre gebührt heute dem Kanton, der unsere Bundeshauptstadt beherbergt. Nächstes Jahr wird die Ehre dann, getreu unseren Gepflogenheiten, an einen weiteren schönen Ort in der Schweiz wandern. Wie ich vernommen habe, wird dies der Kanton Graubünden sein. Wir freuen uns alle auf Eure Gastfreundschaft.