Happy End

Grusswort anlässlich des 20-Jahre-Jubiläums der Stiftung Schmelzi vom 3. September 2016 in Grenchen

An der 1. Augustfeier in diesem Jahr hier in Grenchen habe ich gesagt, dass die Regierung immer kommt, wenn es geht, wenn sie nach Grenchen eingeladen ist. Wir würden unter allen Umständen vermeiden wollen, dass Grenchnerinnen und Grenchner sich politisch abgelegen fühlen würden. Als ich meine 1. Augustrede geschrieben habe, habe ich natürlich gewusst, dass ich bereits anfangs September zwei Jubiläumstermine am gleichen Tag in Grenchen wahrnehmen werde; und sogar die ganze Regierung in der gleichen Woche eine auswärtige Sitzung im Velodrome abhalten wird. Die einen, die für sich gedacht haben, den sehen wir nie wieder, oder, die sich vielleicht ein Wiedersehen gar nicht gewünscht haben, muss ich deshalb tief enttäuschen. Ich bitte ausdrücklich um Entschuldigung dafür, dass die Politik hält, was sie verspricht.

Das britische Magazin "The Economist" hat die Schweiz im Jahr 2014 an die Spitze des „best-place-to-be-born-index“ gesetzt. Aus Sicht des „Economist“ machen verschiedene Faktoren die Schweiz als Geburtsort attraktiv: Ein hohes Pro-Kopf-Einkommen, eine hohe Jobsicherheit, eine niedrige Kriminalitätsrate und ein gutes Klima. Wichtig seien auch das Vertrauen in die öffentlichen Institutionen, Gesundheit und die Lebensqualität. Schweizer seien zudem besonders zufrieden. Ich weiss nicht, wie Ihr das seht: Ich würde meinen, im Jammern sind die Schweizerinnen und Schweizer auch nicht schlecht. Meistens sind es allerdings diejenigen, so hat man den Eindruck, die es gar nicht nötig hätten. Eine gute finanzielle Basis, um das Leben bestreiten zu können, ist selbstverständlich ein wesentlicher Faktor, um, wie soll man es sagen, „glücklich zu sein oder es zu werden.“ Das weiss man schon länger als es der „Economist“ weiss. Wer nicht über genügend Mittel verfügt, um ein Leben in Würde führen zu können, der ist in aller Regel unzufrieden. Auch schon länger weiss man, dass trotz guter Ausgangslage, trotz vieler Chancen beim Start, nicht alle vordere Platz belegen können. Es gibt auch das andere Ende der Fahnenstange.
In der reichen Schweiz, gibt es Menschen, die arm sind. Das sind nicht wenige. Menschen, zum Beispiel, die sich in unserer leistungsorientierten Gesellschaft nur schwer zurechtfinden. Menschen, die kaum Chancen auf ein geregeltes und ausreichendes Einkommen haben, Menschen, die einsam und anonym leben. Menschen, die von sich aus schlechtere körperliche oder geistige Fähigkeiten mitbringen. Menschen, die mit ihren vielen Versuchen, ein geordnetes Leben zu führen, gescheitert sind oder kurz vor einem Scheitern stehen. Menschen, die es ohne besondere Bemühungen und ohne Unterstützung Dritter nicht schaffen, den Rand der Gesellschaft zu verlassen. Auch diese Menschen haben ein Recht auf ein würdevolles Leben.
Staatliche Sozialpolitik hat ja nicht immer einen einfachen Stand. Oft steht heute die Frage nach dem Geld in absolutem Vordergrund. Eigenverantwortlichkeit – oder besser: Selbstverantwortung – wird politisch verwechselt mit „privat“. Selbstverantwortung steht aber nicht im Gegensatz zu gemeinschaftlicher Verantwortung. In unserer Demokratie gehören beide zusammen. Demokratie und gesellschaftliches Verständnis sind tief miteinander verwoben. Die Geschichte zeigt auf, dass sich die gemeinschaftliche Verantwortung stark von der Familie weg auf das öffentliche Gemeinwesen verlagert hat. Menschen wollen sich individuell entwickeln. Wer das nicht selbst vermag, findet Stütze in Institutionen, die von der öffentlichen Hand mitfinanziert werden. Diese machen das mittlerweile alle auch unter Beachtung ökonomischer Prinzipien und müssen dafür auch Rechenschaft ablegen. Auch die „Schmelzi“. Diese Institutionen geben der Gesellschaft etwas zurück. Menschen nämlich, die sich besser zurechtfinden und zumindest teilweise wieder für ihren Lebensunterhalt aufkommen können. Das ist das Ziel, …und viel. Die immer wieder wiederholte Plattitüde vom Geld, das in die sozialen Einrichtungen hineinfliesse, aber davon nichts mehr rauskomme, sollte endgültig dorthin verbannt werden, wo sie hingehört. Nämlich ins Reich der Märchen. Ich muss mich korrigieren. Dort wäre sie auch schlecht aufgehoben. Es sind ja meistens Kinder, die Märchen lesen. Die wollen etwas von Heldinnen und Helden lesen, die sich tagtäglich gegen den Eigennutz engagieren, über die Guten, über Einzelschicksale, die hoffentlich zu einem „Happy-End“ führen.
Die Stiftung Schmelzi mit ihren Angeboten an Wohn- und Tagesstrukturen kümmert sich darum, dass einige dieser Menschen ihre Würde zurückerhalten; dass sie die nötige Unterstützung bekommen, um in naher oder weiterer Zukunft wieder ein möglichst eigenständiges Leben führen können. Sie arbeitet am „Happy-End“, übersetzt, am Glück der Menschen. Sie arbeitet auch daran, dass der „Economist“ die Schweiz weiter an der Spitze des „best-place-to-be-born-index“ führen kann.
Ich danke der Stiftung Schmelzi und dem ganzen Schmelzi Team im Namen des Regierungsrates herzlich für die wertvolle Arbeit, die Sie in den vergangenen 20 Jahren geleistet haben und sicher auch weiterhin leisten werden. Ich gratuliere ebenso herzlich zum Jubiläum.