Stichworte

Ansprache zur Einweihung des Otto-Stich-Platzes in Dornach vom 27. Juni 2015

Es ist mir eine besondere Freude da und heute ein paar Worte zur Einweihung des Otto-Stich-Platzes zu sagen. Otto Stich ist kein Freund langer und bedeutungsschwangerer Reden gewesen. Pathos ist ihm offensichtlich ein Gräuel gewesen. Jedenfalls gibt dies bereits der Titel seiner Biografie:“ Ich blieb einfach einfach“ zu erkennen. Für mich heisst das heute: Setze Dich ja nicht in Szene, bleibe kurz und versuche nicht, die Welt mit besonders gescheiten Sätzen langfädig zu überziehen. Es geht auch mit ein paar Stichworten.
Wer mich kennt, weiss wie schwer mir das gelegentlich fallen kann. Ich habe darum in der Vorbereitung auf heute etwas gemacht, das ich sonst nie mache, nämlich auch Online-Kommentare gelesen. Deren Verfasser haben ja bekanntlich nur ein beschränkte Anzahl Zeichen zur Verfügung. Die Gefahr des Ausuferns hält sich also in Grenzen.
Zwei gebe ich hier zum Besten:
Ein Werner Werhub hat geschrieben: „Herr Stich gab damals in der AGS Rechnen, Wirtschafts- und Staatskunde. Weil wir im Rechnen so gut waren, wurde dort nicht gerechnet, sondern geredet und Staatskunde gemacht. Er war in jeder Pause bei den Schülern. Die Pause wurde genutzt mit politischer Bildung. Es war eine lange Pause und er konnte dort erst noch seine Pfeife stopfen. Das war das Prinzip Stich.“
Daraus kann man jetzt im Gegensatz zu seinem allseits bekannten Faible fürs Sparen nicht etwa entnehmen, dass Otto Stich das Rechnen nicht wichtig gewesen wäre. Im Gegenteil. Ihm ist aber – und vor allem - wichtig gewesen, dass man nicht nur hat rechnen können, sondern auch möglichst viel von unserem Gemeinwesen versteht und das Gemeinwohl nicht vergisst. Eine Grundkompetenz, die ihm ganz sicher nicht gefehlt hat und mit der eigentlich jeder Finanzdirektor zwingend ausgerüstet sein muss. Darum ist man ja Finanzminister und nicht CFO einer grösseren privaten Firma.
Noch etwas kann man dem Kommentar entnehmen. Otto Stich muss bis zu den Atollen in der Südsee bekannt gewesen sein. Der Online Kommentar ist nämlich im Inselstaat Tuvalu verfasst worden.
Der zweite Kommentar:
Peter Keller aus Solothurn hält fest: „Er vertrat die politische Weltklasse und war ein grosser FCB-Fan.“
Auch Stadtsolothurner wissen also genau, was sie an Otto Stich, an einem waschechten Schwarzbuben, gehabt haben. Otto Stich hat also durch seine Persönlichkeit ganz stark dafür gewirkt, dass Schwarzbubenland und Jurasüdfuss-Solothurn sich einander zugehörig fühlen. Einige hier Anwesende glauben jetzt wohl auch definitiv zu wissen, dass FCB-Fans Weltklasse sind. Ich hoffe, es hat nicht allzu viele YB-Fans hier. Ich will ja schliesslich nicht polarisieren.
In einem sozialdemokratischen Elternhaus aufgewachsen, ist Otto Stich ist bereits mit 30 Jahren Gemeindepräsident geworden. Ohne die zwölf Stimmen Abstand auf den Nächstfolgenden wäre Otto Stich nicht National-, und darum wohl auch nicht Bundesrat geworden, obwohl er zeitlebens immer wieder betont hatte, dass es in der Schweiz möglich sei, Bundesrat zu werden, ohne dass man im Parlament sitze. Dort ist er ja dann auch nicht mehr gewesen, als es zur Wahl gekommen ist. Vorsehung? Vielleicht.
Er ist vermutlich auch der einzige hohe Solothurner Mandatsträger, der von der Polizei an seinem Arbeitsplatz abgeholt worden ist. Natürlich nur, um auf raschestem Weg nach Bern gebracht zu werden und Annahme der Wahl erklären zu können.
Otto Stich ist als Nachfolger von Willy Ritschard einer der sechs Bundesräte gewesen, die der Kanton Solothurn stolz hat stellen können. Er ist von diesen sechs derjenige gewesen, der am zweitlängsten, nämlich 12 Jahre, im Amt gewesen ist. Er hat bereits durch die Tatsache, dass er Solothurnischer Bundesrat gewesen ist, viel für unseren Kanton gemacht, auch wenn er natürlich eine andere Rolle hat wahrnehmen müssen. Er hat, ohne dass die Kantone direkt daran beteiligt sind, wirklich Fundamentales geschaffen, von dem wir alle, die Kantone und der Bund heute profitieren – nämlich die Mehrwertsteuer. Es wäre unmöglich, heute die Staatsaufgaben in der Schweiz ohne Mehrwertsteuer zu finanzieren. AHV zum Beispiel. Obwohl wir alle wissen, dass er im Grunde genommen ein Anhänger der direkten, progressiv ausgestalteten Steuer und nicht einer Konsumsteuer gewesen ist, die alle gleich belastet, hat er doch ganz genau gewusst, dass es ohne nicht geht.
Ich bin schon viel gefragt worden, warum es denn so viele Solothurner Bundesräte gegeben hat. Meistens gebe ich zur Antwort: Weil die Solothurnerinnen und Solothurner wenig Land und wenig Geld haben. Der eine oder der andere ist kraft seiner Eigenschaften zwar mehr oder weniger im Focus der Medien gestanden. Insgesamt hat das aber nichts daran geändert, dass wir im Grunde genommen machtunverdächtig sind. Vielleicht ist aber genau das auch eine Grundvoraussetzung, um Besonderes zu schaffen. Josef Munzinger hat die Schweizer Landeswährung eingeführt. Bernhard Hammer hat den Militärpflichtersatz eingeführt und die Gründung der Nationalbank vorbereitet. Herrmann Obrecht trieb 1936 die Abwertung des Frankens mit einem Unterstützungspaket zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit voran. Vielleicht wäre es zwischendurch gescheiter, anstatt auf die Börsen auf die Geschichte zu schauen. Während der Amtszeit von Walter Stampfli ist der Einführung der AHV zugestimmt worden. Über Willy Ritschard als Persönlichkeit muss man nicht viele Worte verlieren. Otto Stich hat sich nahtlos in diese Folge eingereiht.
Dass die Gemeinde ihm heute einen Platz weiht, ist mehr als verdient. Das freut auch die Solothurner Regierung sehr.