Zu Gewalt darf man nicht schweigen

Ansprache an der Eröffnung der Ausstellung „Willkommen Zuhause“ vom 27. April 2015 in Solothurn

Gewalt verursacht körperliches sowie psychisches Leiden und ist Ursprung einer Vielzahl sozialer Probleme. Gewalt bewegt, macht betroffen und belastet alle. Gewalt hat keinen Nutzen, sondern richtet Schaden an. Besonders gross ist dieser, wenn Gewalt dort erfahren wird, wo man eigentlich Geborgenheit und Sicherheit erleben sollte: nämlich Zuhause.
Lange Zeit ist Gewalt im häuslichen Umfeld bzw. Übergriffe auf Intimpartner tabuisiert gewesen. Vorfälle haben als Privatsache gegolten. Dies ist zum Glück heute nicht mehr so. Sowohl auf rechtlicher Ebene wie auch in der gesellschaftlichen Wahrnehmung wird häusliche Gewalt nicht mehr einfach geduldet sondern als sanktionswürdiges Verwalten gewertet und behandelt. Übergriffe sind jedoch immer noch zu häufig. Sie treffen vor allem Frauen und spielen sich oft im Verborgenen ab. Beispielsweise ereignen sich mehr als die Hälfte der vollendeten Tötungsdelikte in der Schweiz im Bereich der häuslichen Gewalt: Im Durchschnitt wird alle zwei Wochen eine Person getötet, zwei von 3 Opfern sind Frauen. Im Kanton Solothurn wurden im Jahr 2014 773 Straftatbestände im Bereich der häuslichen Gewalt erfasst. Es ist davon auszugehen, dass nicht alle erfasst sind. Sehr häufig sind auch Kinder betroffen. Gewalterlebnisse im häuslichen Umfeld beeinträchtigen diese nachhaltig. Sie erfahren dadurch nicht nur Leid und werden in ihrer Entwicklung gehemmt, sondern erlernen vor allem Verhaltensmuster, die den Nährboden für erneute häusliche Gewalt bilden.
Auch wenn die persönlichen und sozialen Folgen in diesem Kontext im Vordergrund stehen, sind die finanziellen Auswirkungen ebenfalls von Bedeutung. Eine Studie aus dem Jahr 2013 zeigt, dass durch Gewalt in Paarbeziehungen in der Schweiz jährlich Kosten in der Höhe von 164 - 287 Millionen Franken entstehen.
Politik und Gesellschaft haben also Gründe genug, die häusliche Gewalt als Problem anzugehen und diese konsequent zurück zu drängen. Massnahmen müssen dabei sowohl auf der Ebene der Prävention, der Gefahrenabwehr, der Strafverfolgung und letztlich der Schadensbewältigung ergriffen werden. Zudem sind sie gleichermassen an Opfer und an Täter zu adressieren.
Unschwer ist zu erkennen, dass ein erfolgreiches Vorgehen gegen häusliche Gewalt eine anspruchsvolle Schnittstellenaufgabe darstellt. Eine Vielzahl von Akteurinnen und Akteuren ist einzubinden, die teilweise verschiedenen Interessen gerecht werden müssen. Hier stehen die staatlichen Organisationen in einer wichtigen Verantwortung. Viele Kantone, so auch der Kanton Solothurn haben deshalb Fachstellen benannt, die sich engagiert der Aufgabe annehmen. Dabei darf Kooperation und Koordination gerade beim Thema häusliche Gewalt aber nicht Halt vor den Kantonsgrenzen machen. Vielmehr braucht es gemeinsame Herangehensweisen und eine einheitliche Haltung in der Sache. Im Bewusstsein darum übernimmt auch die SODK die Aufgabe, eine einheitliche Anwendung des Opferhilfegesetzes sowie die Zusammenarbeit zwischen Bund und Kantonen im Bereich der Opferhilfe zu fördern. Das Problem der häuslichen Gewalt geniesst dabei grosse Aufmerksamkeit. Gleichzeitig erfahren die Kantone über den Fachbereich Häusliche Gewalt im Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann professionelle Unterstützung.
Für Vermeidung von Gewalt ist gezielte Präventionsarbeit nötig. Der Kanton Solothurn engagiert sich bereits seit Jahren und als Pionierkanton in der Gewaltprävention. Im Gewaltpräventionsprogramm 2015 -2018 liegt die häusliche Gewalt im Focus der Bemühungen. Die Wanderausstellung Willkommen zu Hause ist Folge dieses Programms. Sie will informieren und sensibilisieren. Sie zeigt häusliche Gewalt in all ihren Ausprägungen und vermittelt gleichzeitig Hilfs- und Unterstützungsangebote für Betroffene oder Angehörige.
Ziel soll sein, häusliche Gewalt zu erkennen, sie ans Tageslicht zu bringen, ernst zu nehmen und aufzuzeigen, wie auf diese reagiert werden soll. Zu Gewalt darf man nicht schweigen. Man muss gegen sie angehen und die Folgen zeigen. Zeugen häuslicher Gewalt sollen zudem befähigt werden, das Erkannte nicht einfach nur hinzunehmen. Gelingt dies, wird auch der nötige Bewusstseinswandel vorankommen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.